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Donnerstag, 22.09.2022

Neue Philharmonie Westfalen spannt einen weiten Bogen

Symphonisches Konzert in der Stadthalle mit großartigem Symphonieorchester

Eine Konzertkritik von Norbert van der Linde:

Fast mutet es seltsam an: Ein vollbesetzter Saal, ein Symphonieorchester betritt die Bühne und dies  ganz ohne Masken und ohne die Riesenabstände, an die wir uns irgendwie (leider) schon gewöhnt hatten. Wie schön, dass das wieder möglich ist und wie schön, dass dies dann auch mit einem Konzerterlebnis der Extraklasse verbunden war.

Igor Strawinskys in Paris entstandene neoklassizistische „Suite für kleines Orchester Nr. 1“ setzte einleitend den inhaltlichen Rahmen, denn Paris und der Tanz waren die thematischen Leitideen des Abends. Die „Neue Philharmonie Westfalen“ musizierte diese musikalische Petitesse unter der Leitung ihres mit ebenso klaren wie sparsamen Bewegungen agierenden Dirigenten Rasmus Baumann unaufdringlich und mit dem Sinn für das Reduzierte dieser frühen Musik Strawinskys. 

Besondere Momente schenkten das Orchester und der Bandoneonist Christian Gerber dem Publikum dann bei Astor Piazzollas „Vier Jahreszeiten von Buenos Aires“, denn hier wurde die ganze Bandbreite des „Tango Nuevo“ lustvoll demonstriert: die starke rhythmische Kraft und Bewegungsenergie, dann das plötzliche Innehalten, abgelöst vom bisweilen fast Schroffen und Eruptiven der Musik, die durch ihre dissonante Faktur mögliche Anflüge von Sentimentalität und Kitsch bewusst konterkariert, und schließlich auch die plötzlichen Einbrüche ins Melancholische. Christian Gerber entlockte - passend zu dieser musikalischen Vielgestaltigkeit - dem Bandoneon die vielfältigsten und in dieser Form selten auf diesem Instrument gehörten Klangfarben, er schmeichelte, klagte, flüsterte und fauchte scharf und kommunizierte dabei souverän mit dem Streicherapparat des Orchesters, das als musikalisch gleichwertiger Dialogpartner sowohl im Streichertutti als auch bei den vielen Solostellen seinerseits ebenfalls immer wieder glänzen konnte.

Anschließend kam dann Wolfgang Amadeus Mozarts „Pariser Sinfonie“ nuanciert, humorvoll und oft auch sehr leichtfüßig daher, und es so leicht klingen zu lassen, ist schwer, was mich im Konzert an Mozarts Zeitgenossen und Vornamensvetter Johann Wolfgang von Goethe und sein berühmtes Diktum aus dem Faust II denken ließ: „Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer!“          

Düster und mit großem Ernst musiziert, setzte dann das Abschlusswerk des Konzertabends an: Piazzollas „Tangazo – Variationen über Buenos Aires“. Wie schon beim ersten Piazzolla-Werk nahm uns das Orchester mit auf eine Reise durch die vielen Facetten des Tangos und von Piazzollas Musik: betörend, erschütternd schön, emphatisch und bisweilen voll innerer Unruhe und rhythmisch treibend, aber bei allen Brüchen immer dies: ungeheuer packend und ergreifend.

Der Dirigent Rasmus Baumann unterhielt dabei mit seinem Orchester das Publikum den gesamten Abend hindurch nicht nur mit seinen ausgereiften Interpretationen der musikalischen Werke, sondern auch mit seinen informativen und launigen Moderationen. Dankbar für den großartigen Konzertabend und dafür, dass ein solches Live-Erlebnis wieder möglich ist, applaudierte das Publikum - fast untypisch für uns Westfalen - geradezu frenetisch, wurde aber leider nicht mehr mit einer Zugabe belohnt.