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Freitag, 17.06.2022

Projekt „Stolpersteine NRW“:

Holocaust-Opfer aus Ahaus - Erinnerung an die jüdische Familie Gottschalk (Kreuzstraße)

Die jüdische Familie Gottschalk wohnte an der Kreuzstraße in Ahaus. Irma Gottschalk, die vor 120 Jahren in Maxsain-Selters im Westerwald als Irma Kahn geboren wurde, wohnte mit ihrem Mann Emil Gottschalk und ihrem Sohn Ernst Josef Gottschalk im neu erbauten Haus an der Kreuzstraße 12. Die Ahauserin wurde nur 43 Jahre alt, sie starb kurz nach ihrer Befreiung aus dem KZ. An sie und ihre Familie erinnert das Projekt „Stolpersteine NRW“ des WDR, an sich der VHS-Arbeitskreis Ahauser Geschichte 1933-1945 gemeinsam mit Stadtarchivar Max Pfeiffer beteiligen.

Kurz nach Hitlers Machtantritt im März 1933  heiratete Irma den Ahauser Viehhändler Emil Gottschalk, im Februar 1934 wurde ihr einziges Kind Ernst Josef Gottschalk geboren. Ende 1935 durfte Irma ihre nichtjüdische Hausgehilfin nicht mehr weiter beschäftigen. Im Januar 1936 nahm Irma ihre über 60 Jahre alten Eltern Adolf und Billa Kahn in ihrem Haus auf, wo zeitweise auch ihre jüngeren Geschwister Julius und Herta Unterschlupf fanden, denen später die Flucht ins Ausland gelang.  Auch Irma und Emil Gottschalk stellten bereits vor der Pogromnacht im November 1938 Passanträge, um ins rettende Ausland zu entkommen. Um das zu finanzieren, hatten sie notgedrungen schon Acker- und Weideland unter Wert verkaufen müssen. Beim Pogrom vom 9./10.11.1938 wurde Emil Gottschalk von Ahauser und Gronauer SA-Männern zusammengeschlagen und mehrere Wochen lang in „Schutzhaft“ genommen. Zusammen mit seinem Cousin Erich gelang es ihm, aus der Haft frei zu kommen und über die Grenze nach Holland zu fliehen, wo beide in den nächsten Jahren vergeblich versuchten, für ihre Verwandten eine Ausreise aus Deutschland zu erreichen.

Während sein Cousin Erich nach dem deutschen Einmarsch auf abenteuerliche Weise aus den Niederlanden nach Palästina entkam, flüchtete Emil über Belgien nach Frankreich, von wo er im August 1942 nach Auschwitz deportiert wurde. Wie durch ein Wunder überlebte er die Hölle von Auschwitz, kehrte für kurze Zeit nach Ahaus zurück, wo er vergeblich auf Überlebende seiner Familie wartete, und emigrierte dann nach New York, später nach Israel, wo sich ab 1962 seine Spuren verlieren.

Seine Frau Irma, seinen Sohn Ernst Josef sowie seine Schwiegereltern Adolf und Billa Kahn hat er nie wiedergesehen – sie waren nämlich im Dezember 1941 mit den letzten noch in Ahaus verbliebenen Jüdinnen und Juden ins Ghetto nach Riga deportiert worden, wo Irmas Eltern durch mörderische Zwangsarbeit oder bei Massenerschießungen ums Leben kamen. Während ihr Sohn Ernst Josef noch mit anderen Kindern aus dem Rigaer Ghetto in ein anderes KZ verschleppt und dort getötet wurde, überlebte Irma zunächst das Ghetto und auch die anschließende Haft und Zwangsarbeit in einem Nebenlager des KZ Stutthof (bei Danzig), starb aber kurz nach ihrer Befreiung durch die sowjetischen Truppen im Mai 1945 an Typhus und den Folgen der Lagerhaft im Krankenhaus im pommerschen Lauenburg. Sie wurde nur 43 Jahre, ihr Sohn Ernst Josef lediglich 9 oder 10 Jahre alt.

Emil Gottschalk stammte aus einer Mitte des 19. Jahrhunderts aus Metelen nach  Ahaus zugezogenen jüdischen Familie – sieben seiner Verwandten haben Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Ahaus. Seine Geschwister Rosa (verheiratet in Cloppenburg) und Gustav (wohnhaft in Epe) sind mit Ehepartnern und Kindern im Ghetto Riga und im KZ Chelmno ermordet worden.

Irma und Emil Gottschalk mit ihrem Sohn Ernst Josef
Familie Gottschalk / Kahn